Vielleicht sollte ich langsam mal etwas von dem Buch erzählen, das ich gerade schreibe. Was mein zweites Kinderbuch, Nachfolger von »Unten«, werden soll, darüber habe ich hier bis jetzt wenig erzählt – nur, dass es keine direkte Fortsetzung werden soll, weil ich denke, dass die dem Buch mehr wegnehmen würde, als sie hinzufügen kann, und dass es auch nicht mein Märchen »Die gehörnte Prinzessin« wird, weil das leider meine Lektorin einfach nicht überzeugen konnte. Ja, auch das passiert manchmal, man schreibt ein Buch, mag es sehr gerne, aber an der entscheidenden Stelle fällt es durch. Stattdessen sieht es sehr danach aus, dass es »Die vierte Wand« wird – von allen Projekten, das ich dem Verlag vorgestellt habe, das experimentellste, konzeptionellste, philosophischste, und das, von dem ich am wenigsten erwartet hatte, dass es das Rennen machen würde.
Ich will den Tag nicht vor dem Abend loben, denn noch ist die endgültige Entscheidung nicht gefallen, und bis ich einen Vertrag in Händen halte, kann immer noch einiges an Wasser den Rhein runtergehen. Aber wenn alles glattgeht, und ich hoffe, das tut es, dann erscheint irgendwann im Herbst 2024 mein nächstes Kinderbuch, und weil ich diese Geschichte gerade über alles liebe, hoffe ich auch, dass es wirklich dieses Buch sein wird. Es ist eine komplexe Geschichte, die ich da erzähle, und eine sehr persönliche – und ich durchbreche damit wahrhaftig die vierte Wand.
Weil ich ein Jahr Zeit habe, bis das Buch erscheinen soll, und bis dahin dieser Beitrag hier irgendwo in den Tiefen meines Blogs verschwunden sein wird, kann ich jetzt ein bisschen zum Inhalt erzählen, ohne dass alle Welt »Spoiler« schreit. Wer das trotzdem nicht sehen möchte, hört jetzt bitte auf zu lesen. Ich habe euch gewarnt! Also: »Die Vierte Wand« handelt von einem Mädchen, das verstehen muss, dass es sein ganzes Leben in einem Puppenhaus verbracht hat. Von ihren Versuchen, hinaus zu gelangen und die Welt zu sehen. Vom Geschichtenerzählen. Und von mir.
Aber in Ruhe. Wir haben also Fox, die eigentlich Foxglove heißt, was die englische Bezeichnung für die Pflanze Fingerhut ist. Sie lebt mit ihrer Schwester Pony (Peony, die Pfingstrose), dem namenlosen Baby, Eltern, Großmutter, Koch und Hauslehrer in einem schönen Haus, und das, seit sie denken kann. Alle Tage verlaufen gleich: Fox sitzt mit einem Buch im Schaukelstuhl, ihre Schwester spielt mit ihren Puppen, die Erwachsenen wollen nicht gestört werden, und der Lehrer steht im Schulzimmer und bereitet schon den Unterricht für den nächsten Tag vor, auch wenn der genauso aussehen wird wie der von allen anderen Tagen und es immer nur die gleichen Dinge zu lesen gibt, die schon immer an der Tafel standen – bis Fox, eines Tages, ein Päckchen bekommt.
Ihr Name steht drauf, und drinnen sind ein freundlicher Brief, unterzeichnet nur mit »M«, und ein Buch, das anders ist als alle Bücher, die Fox jemals gesehen hat, denn in ihm stehe Wörter, Geschichten, deren bloße Existenz Fox ans Denken bringt. Sie hinterfragt ihren Alltag, ihre Existenz, die Tatsache, dass niemand jemals das Haus verlässt und niemals jemand zu Besuch kommt, und sie will sich auf den Weg machen nach Allerwelt, den Ort, wo die Geschichten aus dem Buch angesiedelt sind. So klettert sie, das Buch unter dem Arm, aus dem Fenster des Musikzimmers ins Freie – und findet sich stattdessen im Spielzimmer wieder, neben dem Puppenhaus, in einem Haus, das beinahe so aussieht wie das, aus dem sie kommt, aber eben nur beinahe.
Und als sie dieses Haus verlässt, geht es genauso weiter: Sie landet wieder, und auch danach immer wieder, im Spielzimmer, immer neben dem Puppenhaus, an dem kleine Veränderungen wie offene Fenster verraten, dass Fox wirklich von dort gekommen ist. Sieben zu ähnliche Häuser durchquert Fox, trifft deren Bewohner und stellt immer größer werdende Fragen, bis sie beim achten Haus wieder da angekommen ist, wo sie gestartet ist, in ihrem eigenen Haus, bei ihrer eigenen Familie. Ein Weg ins Freie? Fehlanzeige. Dafür hat sie unterwegs immerhin den Jungen Corey aufgegabelt, der in seiner Version des Hauses ganz allein lebt und Bücher ohne Wörter bevorzugt, weil er sie beim Durchblättern mit seinen eigenen Gedanken und Geschichten füllen kann. Sie ist den Puppen ihrer Schwester begegnet und der geheimnisvollen Miss Morris – aber niemand hat ihr das Buch geschickt, und niemand, noch nicht einmal Miss Morris, unterzeichnet ihre Briefe nur mit M.
So viele Fragen von Fox sind unbeantwortet geblieben, und so sehr sie sich freut, ihre Familie wiederzusehen, will sie doch endlich wissen, was draußen ist – und dann versteht sie, was sie aus dem Augenwinkel schon all die Zeit über gesehen und doch nie begriffen hat: Jedes Zimmer hat nur drei Wände. Die Vierte Wand fehlt. Wie das bei einem Puppenhaus eben so ist. Durch die vierte Wand kann Fox endlich einfach hinausspazieren – und dann wird die ohnehin schon abgerdrehte Geschichte so richtig wild. Denn da draußen findet Fox das nächste Haus – es ist anders als die anderen – und seine Bewohnerin ist die Autorin, die sich Fox und die Geschichte um sie herum ausgedacht hat. Ihr Name ist M. Und M steht für Maja.
Ich habe mich noch nie zur Figur einer Geschichte gemacht. Nein, das ist falsch – als ich elf, oder so, war, habe ich ein Buch über ein unverstandenes Mädchen anfangen zu schreiben, das meinen Namen trug, und bin über die ersten Seiten nicht hinausgekommen: es war mir zu eng, und es war mir peinlich. Aber jetzt bin ich Ende vierzig, und mir muss nichts mehr peinlich sein, und ich bin alt genug, es auch mal autobiographisch werden zu lassen, in einem Kinderbuch für Elfjährige. Denn Maja, die Autorin, hat einen Grund, warum Fox in ihrer Geschichte immer nur neue Häuser findet und nie das Draußen: Sie hat selbst schon viel zu lang nicht mehr einfach so das Haus verlasse, sie hat Angst vor dem, was draußen ist, und sie braucht die Hilfe von Fox, um am Ende mit ihr, Hand in Hand, ins Freie zu treten.
Das ist ein gewagter Plot, und ich weiß nicht, wie ich damit durchkommen werde bei der Kritik und den lesenden Kindern. Das ist auch Teil meiner Chrysalis. Es ist eine Gratwanderung, die Geschichte so hinzubekommen, wie ich sie vor meinem inneren Auge sehe, und ohne dass sie peinlich wird, oder zu schwer, oder zu wirr, oder zu gruselig. Gehören die Angstzustände einer erwachsenen Frau in ein Kinderbuch? Reicht es nicht, dass Fox schon eine Puppe ist, muss sie dann auch noch erfahren, dass sie eine fiktive Figur ist? Aber es ist ein Buch mit vielen Ebenen, das sich selbst häutet wie das Haus, das Fox immer wieder durchquert, und in meiner Vorstellung funktioniert ist. Aber tut es das auch als Nachfolger zu »Unten«?
Beide Bücher haben Tiefgang, haben eine Botschaft, aber »Unten« ist witziger. Das gleicht »Die vierte Wand« mit sanftem Grusel aus, ich kann kein Buch über ein geheimnisvolles Haus schreiben, in dem es nicht ein bisschen gruselig wird – aber trotzdem habe ich Angst, dass das Ergebnis zu schwer werden kann, dass ihm ohne den Humor die Leichtigkeit fehlt. Es behandelt die Frage »Was ist wirklich«, und zu meinen Vergleichstiteln gehört, natürlich, »Sophies Welt«, weil auch da die Protagonistin erfahren muss, dass sie nur eine fiktive Figur ist – aber es ist dann doch ganz anders. Denn Fox ist, zumindest für ihre Autorin, wirklich. Und das ist die Botschaft, die sie am Ende mitnehmen kann: Sie ist wahrhaftig. Die Schatten an der Höhlenwand sind nicht nur Schatten, sie sind eine eigene Wirklichkeit. Geschichten sind wirklich, wenn man sie in seinem Kopf erlebt, und wenn man sie aufschreibt, und wenn man sie liest.
Ich habe das schonmal gemacht, mit einem Buch die Vierte Wand durchbrochen. Das war ca. 1995, und weit bin ich mit dem Buch nicht gekommen – ein paar Seiten existieren nur, zu wenig, um es damit auch nur auf meinen Romanfriedhof zu schaffen. »Über den Bergen, hinter dem Matsch« war kein philosophischer Roman, sondern eine Parodie auf die Fantasyliteratur der 80er Jahre, als die Bücher voller unfähiger Magier waren, die erst im Verlauf der Handlung ihre wahre Magie entdecken durften. In meiner Geschichte vermittelte die »Agentur für Unfähige Zauberer« ebendiese an willige Autoren, auf dass die sie zur Hauptfigur ihrer Geschichte machen sollten. Und Titelfigur Schwalbe, der feststellen muss, dass er anstelle der Hauptrolle nur einen Gastauftritt bekommen hat, macht sich auf den Weg, seinen Autor zu finden, um ihm den Marsch zu blasen – und am Ende zu erfahren, dass er es damit sehrwohl zur Hauptfigur gebracht hat.
Das Buch war eine Spur zu witzig, um wirklich lustig zu sein, hatte interessante Figuren, aber keinen Plot, und überhaupt war ich noch nicht so weit, es schreiben zu können – ich wusste, ich will schreiben, aber mir fehlte der Fleiß und das Sitzfleisch, und so blieb »Über den Bergen, hinter dem Matsch« eine Fingerübung, eine Skizze für ein Buch, das niemals sein wurde. Eine Nebenfigur des Buches, die schurkisch veranlagte Blumenelfe Osterglocke, bekam mit dem »Feeräuberlied» ihren eigenen Spinoff und wurde zu einem großen musikalischen Erfolg für mich, aber das subversive Buch, das ich eigentlich hatte schreiben wollen, blieb eine Annekdote.
Aber da hatte ich eine Figur, die sich zu bewusst war, in einem Roman zu leben. Und auch mit dem kürzlich auf dem Romanfriedhof behandelten »Museion« habe ich versucht, die Vierte Wand zu durchbrechen und bin dran gescheitert. Ist es dann so eine gute Idee, das ausgerechnet mit einem Kinderbuch zu versuchen? Ausgerechnet Platons »Höhlengleichnis« zu bemühen für eine Altersgruppe, die mit Platon sicher nichts anfangen kann? Mich selbst in Person auftreten zu lassen, wenn ich selbst in der Wirklichkeit Probleme mit meiner Selbstwahrnehmung habe? Meinen Vornamen damit zu verewigen, wenn ich noch nicht einmal ganz sicher bin, ob ich ihn für den Rest meines Lebens tragen werde?
So viele Fragen. Bei einigen fürchte ich die Antworten. Habe Angst, mein Vater könnte das Buch »wesentlich« nennen – »Er wollte wesentlich werden« ist für ihn ein Todesurteil, wo es um Bücher geht: Anspruch, gewollt und nicht gekonnt. Und doch schreibe ich jetzt dieses Buch, vielschichtig, schräg, philosophisch, und hoffentlich ganz, ganz anders als »Unten«, auch wenn sich in beiden Büchern ein Mädchen auf den Weg durch ein nicht enden wollendes Haus macht. Ich hoffe das Beste. Ich hoffe, es wird mein nächstes veröffentlichtes Kinderbuch. Und ich hoffe, es bringt die Leute ans Denken, die Kleinen wie die Großen. Was ist wirklich? Was ist es nicht? Was ist draußen? Und wie können wir alle mit unserem Leben die vierte Wand durchbrechen? Vom Puppenhaus nach Allerwelt – ich will die Menschen auf eine Reise mitnehmen. Gerade weil es diesmal meine eigene ist.
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