Die Stille vor dem Schluss

Wenn es eine Sache gibt, die ich beim Schreiben fürchte, dann sind es dramatische Finale. So schnell kann man ein bis dahin gut gelungenes Buch mit einem verkorksten Schluss ruinieren, und ich kenne zu viele Beispiele von Romanen, wo genau das passiert ist – was dafür spricht, dass so etwas dem Leser im Gedächtnis bleibt. Im Nachhinein habe ich nicht nur bei meinem ersten fertiggestellten Roman Eine Flöte aus Eis den Schluss komplett in den Teich gesetzt, was ich mir bei einem Erstling ja noch verzeihen könnte, sondern auch bei späteren Geschichten den Kampf mit dem Schluss nicht unbedingt gewonnen, zum Beispiel bei der Spinnwebstadt und der Gauklerinsel. Bis heute weiß ich in beiden Fällen nicht, wie ich es besser machen könnte. Und jetzt wiederholt sich das Spiel, während ich bei der Schattenuhr in den letzten Zügen liege. Es ist mir gelungen, ein leidlich dramatisches Showdown hinzubekommen, über zwei Kapitel gestreckt, um ihm den nötigen Platz einzuräumen, aber Actionlastiges ist nicht meine starke Seite, und die Szene, in der ein Geist in Howards Wohnzimmer wütet und versucht, Percy umzubringen, findet ebenso überwiegend off-camera statt wie ein dramatisches schwarzmagisches Ritual, bei dem ich nicht zu sehr ins Detail gehen mochte.

Da ich meine Schwächen kenne, ist es sicher besser, wenn ich etwas schummele, als dass ich komplett ins Klo greife und Szenen abliefere, bei denen am Ende gar nichts mehr stimmt.… Weiterlesen

Heureka!

Es gibt diese Momente, da lösen sich alle Probleme plötzlich einfach in Wohlbefallen auf. So ist es mir gerade ergangen, nachdem ich mich seit Wochen mit den Plotproblemen der Schattenuhr rumschlage, zwei Wochen lang gar nichts geschrieben habe, und darüber hinaus eine persönliche Krise durchmache, die so rein gar nichts mit dem Schreiben zu tun hat. Aber heute hatte mir das Wetter schwer zu schaffen gemacht, morgen bin ich auf einer Cocktailparty eingeladen, was bedeutet, dass ich das Haus verlassen muss, und ich hatte ein Bad wirklich verdient, also warf ich den Boiler an und begab mich an den Ort, wo Milch und Honig fließen (das ist mein Badezusatz – nicht besonders toll vom Geruch her, aber die Haut verträgt es, und sie hatten nun mal nichts mit Rosenblütenblüten im Kaiser’s. Muss dringend bei der Chaosqueen luxeriösen Badezusatz bestellen!). Und wie ich so in der Wanne lag und schier ertrank in den Schaumbergen, begriff ich plötzlich, dass mein Plotproblem sich ganz einfach lösen lässt.

Letztlich läuft es im Moment mit Percy auf genau die gleiche Situation hinaus, in der ich auch Mia am Ende von Geigenzauber hatte: Er will ein Happyend. Mit Howard. Ja, Howard ist ein Schwarzmagier, Howard hat ihn belogen, Howard hat ihn ausgenutzt – aber er ist nun mal Percys große Liebe (das, oder der Sex ist wirklich gut, ich habe ihn da nicht bis ins Detail ausgefragt).… Weiterlesen

Alte Ideen, neue Ideen

Während ich mich mit der Schattenuhr immer noch in literarischen Krämpfen winde, nur schleppend vorankomme und immer noch nicht ganz entschieden habe, ob ich mit dem Produkt bis jetzt zufrieden bin oder nicht, ist zumindest in meinem Hinterkopf eine Menge los. In weniger als einer Woche haben nicht weniger als vier Projekte an meine Tür geklopft – zwei alte Bekannte und zwei neue Freunde – und wollen alle ihr Stück von meinem Kreativitätskuchen abhaben. Ich musste sie erst einmal vertrösten, ich werde nicht die Schattenuhr beiseitelegen, weil ich fürchte, dass ich dann nie wieder in die Geschichte reinkomme, so wie ich im letzten Jahr Das Gefälschte Herz letztlich vor die Wand gefahren habe, aber dann bin ich bereit für alte und neue Ideen. Hier ist eine Kurzfassung dessen, was vorstellig geworden ist:

Das erste ich mehr eine rohe Idee als ein Konzept. Ich bin ja kein Fan von historischen Romanen, aber ich dachte, man könnte mal ein Buch über Elisabeth Tschech schreiben, die Tochter des Bürgermeisters Tschech, der 1844 ein Attentat auf König Friedrich Wilhelm IV. verübte. Elisabeth, achtzehn Jahre alt zum Zeitpunkt, als ihr Vater hingerichtet wurde, hat nicht nur ein Buch über sein Leben geschrieben, sondern war so sehr seinem revolutionären Geist verbunden, dass sie fortan selbst als gefährlich galt und überwacht wurde.… Weiterlesen

Darf’s ein bisschen wirr sein?

Ich mag meine Plots komplex und undurchsichtig, als Leser wie als Autorin. Seit jeher bin ich sehr gut darin, die Absichten eines Autors zu durchschauen und mit erstaunlicher Treffsicherheit schon früh in der Handlung den Mörder zu nennen. Das gibt natürlich immer ein paar Gummipunkte, aber lieber ist es mir, überrascht zu werden, gar überrumpelt. Ein Beispiel für einen Film, der das geschafft hat, wäre »Snatch«, und wenn ich versuchen sollte, dessen Inhalt in einem Satz nachzuerzählen, müsste ich die Segel streichen. Blöd nur, wenn ich als Autorin beim Versuch, ein vergleichbar komplexes Vexierspiel aufzuziehen, mich in meinen eigenen Stricken verheddere. Und woran habe ich es gemerkt? Daran, dass ich den Plot der Schattenuhr nicht in einem Satz zusammenfassen kann. Angefangen damit, dass ich zwei Handlungsstränge habe, die nur wenig Berührungspunkte haben, dazu die Rahmenhandlung, und einen Helden, der gleichzeitig Detektiv, Opfer und Traumaträger ist – das klingt schon nach viel, und das ist es auch.

Im allerersten Plotentwurf war Howard – Mr. Eugene Howard, im weiteren Verlauf nur „Howard“ genannt, um ihn von seinem Vetter, Mr. Ambrose Howard, alias „Rosie“, zu unterscheiden – durch und durch ein Schurke: Ein Schwarzmagier, der Percy benutzt, um durch ihn an Geister heranzukommen, mit deren Hilfe er die Häuser ausspionieren will, in denen er die verschwundene Schwarzmagische Bibliothek seines Ahns vermutet, noch ein Howard, für dessen Geschichte ich bis in die Zeit von Heinrich dem Achten und seiner fünften Ehefrau, Catherina Howard, zurückreisen muss.… Weiterlesen

Warum ich keine Schwulenbücher schreibe

Als ich neulich den Artikel geschrieben habe über den chronischen Alkoholismus meiner Protagonisten, hätte ich natürlich ein weiteres Element erwähnen müssen, das sich wie ein roter Faden durch meine Geschichten zieht: Ich habe einen ziemlich hohen Anteil homosexueller Figuren. Das sollte in der heutigen Zeit kein Problem mehr sein, wo Homosexualität auch überall sonst in den Medien präsent ist. Es gibt sogar eigene Verlage für schwule Literatur, und könnte ich da nicht eine perfekte Nische finden für Figuren wie Alexander aus den Chroniken der Elomaran oder Percy, der in der Schattenuhr zu seiner eigenen Verwunderung nicht nur mit einem Mann im Bett landet, sondern auch noch realisieren muss, dass das nicht sein erstes Mal war. Ich könnte da sogar den von mir favorisierten Schluss des Puppenzimmers unterbringen, in dem es am Ende eine süße Romanze zwischen Florence und Lucy gibt. Aber das will ich nicht. Ich schreibe keine Schwulenbücher, ich schreibe keine Heterosexuellenbücher, noch nicht einmal Bisexuellenbücher – ich schreibe Bücher. Punkt.

Auch wenn ich ganz traditionell einen Mann geheiratet habe, werde ich mich auch weiterhin für die Rechte von Schwulen und Lesben stark machen – oder, wie das heute so schön heißt, LGBTQs, um auch ja niemanden auszulassen – und dazu gehört für mich auch das Recht, in ganz normalen Büchern und Filmen präsent zu sein und nicht nur in Schwulenbüchern und -filmen.… Weiterlesen

Percy, wir müssen reden!

Eigentlich ist es mir fast schon peinlich. Dieser verteufelte Alkohol! Ich habe mir schon so oft vorgenommen, es nie wieder zu tun, aber was soll ich sagen? Es ist eben doch schon wieder passiert. Eigentlich sollte Felder, der Glücksritter, der sich in der Flöte aus Eis um Kopf, Kragen und Königreich trinkt, der einzige Vertreter seiner Zunft bleiben. Dann kam mit Mowsal aus der Spinnwebstadt ein feines Beispiel für einen alkoholgefährdeten Jugendlichen, und als ich mit den Chroniken der Elomaran anfing, hatte ich mit Jurik auf der einen Seite und Varyn auf der anderen gleich zwei Leute, die mit massiven Alkoholproblemen zu kämpfen haben. Und damit war noch lange nicht Schluss. In der Gauklerinsel ist Roashan derart weit fortgeschritten in seiner Sucht, dass er mit körperlichen Entzugserscheinungen zu kämpfen hat, und sein Freund Shaun ist nur deswegen trocken, weil er als Geist keine andere Wahl mehr hat, und das sollte dann wirklich die Krönung sein und das Ende einer schon viel zu langen Reihe von Alkoholikern in meinen Geschichten, aber dann kam das Gefälschte Siegel mit Kevron, der ohne Alkohol keinen Schlaf findet und sich ohne Aufputschmittel nicht wachhalten kann, und selbst im plotlosen Geistersaat ist Damon Rickard nie ohne Glas in der Hand anzutreffen, und ich stehe da und muss mich fragen, will ich wirklich der Charles Bukowski der Fantasyliteratur werden?… Weiterlesen

Wenn man dem Herzen folgt

Eigentlich hatte ich alles minutiös durchgeplant: Wenn die Mohnkinder fertig sind, so der Plan, schreibe ich Geisterlied fertig, was bis Mitte März dauern wird, und dann plane ich in Ruhe Percys zweites Abenteuer, während ich den ersten Band überarbeite. Aber mein Herz ist mir dazwischengekommen. Mein Herz hängt an Percy, und es will ihn nicht einfach so ziehen lassen. Ähnlich ging es mir Anfang 2011, als ich die Gauklerinsel fertig hatte und Abschied nehmen musste von Rosi, vermutlich für immer, und ich habe um das fertige Buch mehr getrauert als mich gefreut. Beim Ende der Mohnkinder habe ich mir so oft gesagt, dass es für Percy ja nicht das Ende ist, dass er wiederkehren wird, aber nach zwei Tagen Arbeit an Geisterlied, von deren Output ich die Hälfte postwendend wieder weggeworfen habe, war mir klar, so geht es nicht weiter. Ich brauche meinen Percy, und ich brauche ihn mutmaßlich dringender als meinen eigenen Partner. Und so habe ich alle Pläne über den Haufen geworfen und – parallel zur Arbeit an Geisterlied, das so oder so fertig werden muss, wenn auch nicht mit zweitausend Wörtern am Tag – habe ich nun, ohne viel Plot, aber dafür hochmotiviert – mit der Arbeit an dem Buch begonnen, das gegenwärtig den Arbeitstitel Schattenfinger trägt.… Weiterlesen

Guter Mohn, du gehst so stille

Und plötzlich ist es aus. Eben noch schreibt man jeden Tag zehn Seiten an seinem Lieblingsbuch, da ist es auch schon fertig. Zugegeben, ich musste in die Verlängerung gehen, denn nachdem ich das Buch für fertig erklärt hatte und das letzte Kapitel an meine Betaleser rausgeschickt, mit dem unbefriedigenden Gefühl, das Ende versemmelt zu haben, bin ich nochmal kritisch über das, was ich geschrieben habe, drübergegangen – und es las sich nicht wie ein versemmeltes Ende. Es las sich überhaupt nicht wie ein Ende. Es war mehr so, als hätte ich meinen Betas eine alte Version des Kapitels geschickt, in dem die letzte, entscheidende Szene noch gar nicht drin was. Was sich beim Schreiben wie ein einigermaßen starker letzter Satz angefühlt hatte, war mehr, als würde man bei voller Fahrt aus einem Eisenbahnwaggon springen und brüllen »Ich bin am Ziel!« – viele Meilen vor dem nächsten Bahnhof. Was für ein Glück! Es gibt Problemszenen, da merkt man nicht so eindeutig, was dran falsch gelaufen ist. So habe ich mich am anderen Tag hingesetzt, noch eine Szene geschrieben, mich gefreut, dass mir Percy noch einen Tag länger erhalten bleibt, und das Kapitel ein zweites Mal an die Betas verschickt. Die ersten Rückmeldungen sind positiv ausgefallen.… Weiterlesen

Puzi, Scherzi, Percy

In der letzten Zeit scheint es bei mir sehr niedlich zuzugehen. Wer mich von meinen Geschichten erzählen hört, stolpert über so knuffige Ausdrücke wie Puzi, Scherzi und Percy. Wer Percy ist, sollte nach fleißiger Lektüre meines Blogs nicht mehr die Frage sein – Percy, mit vollem falschen Namen Percival Jessup, ist ein Gentleman der zwanziger Jahre und Held einer Romanreihe, die man vom Genre mehr als Geiterkrimi denn als Fantasy bezeichnen muss und mehr in der Tradition von Dorothy Sayers und Margery Allingham steht als in der von Tolkien – gut, in Tolkiens Tradition stand ich noch nie, aber die Tendenz sollte damit klar sein. Das erste Abenteuer, die Mohnkinder, ist so gut wie abgeschlossen, der Folgeband, derzeit unter dem Arbeitstitel Schattenfinger geplant, steht in den Startlöchern und wartet nur noch auf ein etwas klareres Konzept, in dem mehr die formalen Aspekte zu klären sind als die inhaltlichen. Ich freue mich schon, mit der Arbeit daran zu beginnen – aber wenn ich alternativ zuerst Scherzi schreiben darf, ist das auch nicht schlecht.

Scherzi ist die Fortsetzung von Puzi, klar, nee? Puzi ist, das sollte nicht schwer zu erraten sein, das Puppenzimmer. Nachdem meine Agentin dem Haus der Puppen diesen neuen Titel verliehen hat – zum einen passt er besser, zum anderen war der erste schon belegt durch einen Dokumentarfilm über Auschwitz, mit dem ich ganz sicher keine Assoziationen haben wollte – war für mich nichts naheliegender, als die Verniedlichungsform einzuführen.… Weiterlesen

Das Leben in der Hand des Gänseblümchens

Wieder einmal ist es soweit, die Arbeit an einem Roman neigt sich dem Ende zu, aber statt dass ich meiner üblichen Buchschlusspanik verfalle und jammere, dass ich meine liebgewordenen Helden verlassen muss, zeige ich mich vor allem unentschlossen. Ich habe noch vier Tage lang zu schreiben, dann bin ich fertig, und eigentlich sollte ich genau wissen, was ich da zu schreiben habe. Aber genau an einer entscheidenden Stelle war ich bis zuletzt unentschlossen: Gibt es ein Happyend, oder gibt es keines? Natürlich, das Wort ‚Happyend‘ ist bei den Mohnkindern so oder so falsch gewählt. Es ändert nichts mehr daran, dass ein kleines Mädchen tot ist und nicht mehr ins Leben zurückgeholt werden kann, egal wie ich mich entscheide. Die Happyend-Frage betrifft in diesem Fall nur das überlebende Mädchen, Laurel. Wird sie lernen, mit dem Tod der Zwillingsschwester zu leben und ein eigenständiges Leben zu führen? Oder lässt sie sich von Ivys Geist überzeugen, dass sie zusammengehören, für immer, und nimmt sich ihr eigenes Leben?

Der eine Schluss ist versöhnlich und hat einen positiven Ausblick, der andere kommt dafür bestimmt überraschender, und ich habe meine Leser immer schon gerne überrascht. Außerdem hatte ich seit der Flöte aus Eis kein trauriges Ende mehr – und das war 1997.… Weiterlesen