Der November naht – mal wieder

Die Tage werden länger, grauer und dunkler, der November naht, und mich überkommt freudige Erwartung. Das war nicht immer so – früher war dieser Monat für mich eine trübe Zeit, aber vor zehn Jahren änderte sich das auf einen Schlag. Damals, 2006, machte ich zum ersten Mal beim Nanowrimo mit. Ich hatte keine großen Erwartungen, rechnete nicht im Traum damit, ein Ziel von 50.000 Wörtern in einem Monat schaffen zu können, aber ich hatte eine Motivation: Der Rowohlt-Verlag hatte einen Preis für ein phantastisches Jugendbuch ausgeschrieben, den ich unbedingt gewinnen wollte. Ich hatte eine Idee, und das seit August, aber der Einsendeschluss war im Dezember, und ich ging beriets im Sommer nicht davon aus, rechtzeitig fertig werden zu können, und versuchte es dementsprechend gar nicht erst. Dann, irgendwann Ende Oktober, schickte mir meine frühere Mitbewohnerin den Link zur Nanowrimo-Seite, weil sie meine Idee kannte und mochte, und meinte, damit wär doch der Wettbewerb kein Problem mehr – und als ich dann auch noch sah, dass die Filkerin, Autorin und Illustratorin Debbie Ohi einen täglichen Cartoon für den Nano zeichnete, meldete ich mich an.

Der Monat begann, ich kämpfte mit mir, meiner Protagonistin, dem Buch und überhaupt, und hing weit hinter dem Ziel zurück, bis am dritten oder vierten Tag der Knoten platzte, ich 2.800 Wörter an einem einzigen Tag schrieb und damit sowas wie einen Lebenszeitrekord aufstellte, und mein Ehrgeiz war geweckt.… Weiterlesen

Ein Ende auf Umwegen

2010 schrieb ich im Nanowrimo meine erste Romantische Fantasy, Geigenzauber, gewann den Nano, schrieb den Dezember durch und konnte im Januar 2011 verkünden, dass das Buch fertig war. Wirklich eine sehr, sehr einfache Geburt. Mit meinem Nanowrimo-Roman von 2014, Das Glasaugenhaus, sollte es genauso gehen. Eigentlich. Ich gewann den Nano, schrieb den Dezember durch, war im Januar 2015 fleißig – und dann, als dem Buch wirklich nur noch eine Szene fehlte, hörte ich auf. Einfach so. Ich hatte keinen bestimmten Grund dafür, es war nicht so, dass ich meine Geschichte auf einmal nicht mehr gemocht hätte, im Gegenteil, ich mochte sie sehr. Ich hatte nur keine Lust auf diese eine fehlende Szene. Es ging nicht mal um den Schluss, es war der Mittelteil des vorvorletzten Kapitels, um den ich einfach herumgeschrieben habe – aber diese Lücke füllte sich nicht von selbst, und so wie die Mimbari einfach mitten in der Schlacht umdrehten und nach Hause flogen, ließ ich das Glasaugenhaus liegen wie ein vor die Wand gefahrenes Wrack, das es nicht war.

Natürlich, ich sprach immer davon, das Buch endlich mal fertigzuschreiben, es fehlte doch wirklich nur eine Szene, ein Klacks, das kann ich zwischendurch machen – aber ich machte es nicht.… Weiterlesen

Nano Nano

Wie in jedem Jahr seit 2006 habe ich auch in diesem Jahr am Nanowrimo, dem (Inter)National Novel Writing Month, teilgenommen, und wie immer seit 2011 mit mehr als einem Projekt: Seit ich mich zur hauptberuflichen Schriftstellerin erklärt habe, ist das Nano-Pensum von 50.000 Wörtern im Monat nicht mehr so ungewöhnlich für mich, und weil ich mich fordern möchte und meine Grenzen ausreizen, verdopple ich und lege einen zweiten Roman drauf. In diesem Jahr waren es die Neuauflage von Lichtland, meiner Nano-Nemesis von 2007, und mein neuer Gaslichtroman Die Spiegel von Kettlewood. Gewonnen habe ich mit keinem von beidem, und statt mit 100.000 Wörtern bin ich »nur« mit knapp 65.000 aus dem Monat gekommen – aber anders als in früherem Jahren, in denen ich mein Ziel verfehlt habe, macht es mir diesmal weniger aus. Ich habe zwei tolle Bücher begonnen, an denen ich jetzt fleißig weiterschreiben werde und zu denen ich sehr positive Rückmeldung bekommen habe: Da sehe ich nicht die 15.000 Wörter, die mir zum Sieg fehlen, sondern die 35.000, die ich habe. Und die kann mir keiner wegnehmen.

Der Neuaufguss von Lichtland stellte sich erst einmal ziemlich sperrig heraus. Da ich den Charakter meiner Hauptfigur Nomi radikal verändert habe, musste ich aufpassen, nicht gleich wieder in alte Muster zu verfallen, und ich musste die ersten Seiten nochmal schreiben, als Nomi sich, kaum dass er den Mund aufmachte, wieder in den arroganten kleinen Schnösel aus der ersten Fassung zu verwandeln drohte.… Weiterlesen

4theWords? 4dieKatz!

Auch 2014 habe ich, wie in jedem Jahr seit 2006, am Nanowrimo teilgenommen. Was einmal ein Geheimtipp war, ist längst ein Riesenapparat mit Hunderttausenden von Teilnehmern – in diesem Jahr waren es knapp über 175.000 – und, auch wenn die Teilnahme selbst weiterhin kostenlos ist, einer großen Geldmaschine im Hintergrund. Kosten für Personal, Technik, Infomaterial etc. gehen in die Millionen. Der Nano finanziert sich durch Spendengelder, und auch ich habe meine 25 Dollar gespendet, aber ein nicht zu verachtender Betrag kommt durch Sponsoren zustande, Großspender, die ein Minimum von 6.000 Dollar beisteuren, dafür auf der Nanowrimo-Seite prominent präsentiert werden und, indem sie über Winner Goodies und andere Lockvogelangebote Naniten als Kunden ködern können, ihr Geld schnell wieder drin haben. Bei 175.000 Teilnehmern ist das eine Lizenz zum Gelddrucken, und die Buchdienstleisterindustrie hat längst dsa große Potenzial einer Aktion erkannt, die jedes Jahr hunderttausend veröffentlichungswillige Autoren auf die Welt loslässt.

Dementsprechend betrachte ich die Sponsorenangebote längst mit Skepsis. Es ist schön, wenn meine eine gute Schreibsoftware wie Scrivener zum halben Preis bekommt, und auch schön, wenn Anbieter wie Createspace oder Lulu siegreichen Autoren gedruckte Exemplare ihres Buches schenken. Andere Angebote sind aber eher von der Sorte, die, was ihre Seriösität angeht, sich zumindest in einer Grauzone bewegen – kostenpflichtige Lektorate und Zuschussverlage, die Naniten ein angeblich besonders günstiges Publishingpaket anbieten, haben hier mit den Naniten ein sicheres Einkommen.… Weiterlesen

Gib mich den Hattrick II

Ich will doch endlich erzählen, was ich dieses Jahr im Nanowrimo schreibe. Und im Nanowrimo schreibe. Und im Nanowrimo schreibe. Richtig! Nachdem ich im vergangenen Jahr zwei Nanowrimos parallel geschrieben habe und sowohl mit den Mohnkindern, als auch Geisterlied gewonnen habe, musste ich dieses Jahr noch eine Schippe drauflegen. Eigentlich war nur geplant, dass ich den Doppelnano vom letzten Jahr wiederhole, aber dann ergab sich eine Option, einen Thriller zu schreiben, und um einem möglichen Interessenten das Buch schmackhafter zu machen, erschien es mir wie eine gute Idee, es auch zu schreiben. So verkünde ich stolz: Im Nanowrimo schreibe ich Schattenklingen, Unterm Laub und Das Haus der Verschwundenen Kinder.

So viele neue Titel – was verbirgt sich dahinter? Ich beginne mit dem letzten: Als Anfang des Jahres mehrere Jugendbuchverlage das Puppenzimmer prüften, kam unter anderem die Rückmeldung, dass der Thrillerteil der Geschichte durchaus überzeugen könnte, aber die phantastischen Elemente zu viel wären. Natürlich wollte ich nicht hingehen und die Feen aus der Geschichte hinausschreiben, das wäre wiederum mir zuviel gewesen, aber so kam die Idee, einen viktorianischen Jugendthriller zu schreiben, mit geheimnisvollem Haus und Mysteryelementen, aber ohne explizite Fantasy und vor allem garantiert ohne Feen. Das Exposée, das ich entwarf, gefiel meiner Agentin, und auch wenn sie meinte, dass die Geschichte starker Tobak ist, gab sie mir grünes Licht fürs Schreiben.… Weiterlesen

Über die Freuden des Scheiterns

Was für ein Kampf! Was für ein Endspurt! Als jeder andere Nanit des Tintenzirkels schon in seinem Bett lag und den Nanowrimo entweder gewonnen oder verloren hatte, saß ich noch auf meinem Sofa, den Laptop auf dem Schoß, Kochshows aus der Konserve auf dem Fernseher, und habe geschrieben, geschrieben, geschrieben bis kurz vor sechs in der Frühe, um es noch zu schaffen, um auch mit Geisterlied den Sieg einzufahren. Es war ein Kampf. Nicht mehr als 3.060 Wörter fehlten mir, sicher kein unüberwindbares Hindernis, aber da ich schon ein paar Tage davor an meine Grenzen gestoßen war, sollte sich jedes Wort als Krieg herausstellen. Mein Timing hätte schlechter nicht sein können: Nicht nur war es der 30. November und die letzte Chance, dreitausend Wörter für den Nanowrimo zu schreiben, nein, es ging auch noch um nicht mehr und nicht weniger als den dramatischen Höhepunkt des Buches, eine Szene, die ich schon seit drei Jahren vor Augen hatte und die sich als entsprechend schwer zu schreiben herausstellte.

Um Haaresbreite habe ich es dann geschafft, bevor ich in mein Bett kollabiert bin, lange nachdem Kamen und Elena ihre Plaketten eingefahren hatten. Nur weil ich von Anfang an in einer anderen Zeitzone geschrieben habe – dem Biorhythmus angepasst auf die Zeit von Quito, Peru – konnte ich um diese Uhrzeit noch arbeiten, und auf den allerletzten Drücker fertig zu werden, war erfrischend anstrengend.… Weiterlesen

Die Luft ist raus

Über drei Wochen habe ich durchgehalten, mit Leichtigkeit das erste Buch über die Fünfzigtausendermarke geschoben, aber dann, so kurz vor dem Schluss, habe ich doch schlappgemacht. Ich bin erschöpft, schlaflos, alle im Kopf – kurz, platt. Vor allem ärgere ich mich über mich selbst. Vor drei Jahren musste ich erkennen, dass ich aus gesundheitlichen Gründen nur noch in Teilzeit arbeiten kann, aber ich hatte immer gedacht, dass für so eine Sache wie das Schreiben, das ich mehr liebe als alles andere, das nicht gelten würde. Ich will doch hauptberuflich schreiben, ich will davon leben können, ich will meine Tage damit verbringen – aber die Wahrheit ist, eine Schlagzahl von viertausend Wörtern am Tag halte ich auf die Dauer nicht durch. Ich brauche dafür am Tag ungefähr sechs Stunden, auch an Wochenenden, damit komme ich auf eine Wochenarbeitszeit von 42 Stunden – das ist Vollzeit, und Vollzeit packe ich nicht.

Was jetzt? Aufgeben? So kurz vor dem Ziel? Das kommt nicht in Frage. Es wäre ein großartiges Scheitern, nur noch ein paartausend Wörter zu brauchen, noch vier Tage Zeit zu haben und einfach alles hinzuschmeißen. Aber ich muss kürzer treten. Jeden Tag sechs Stunden schreiben plus eine Stunde Statistik für das Team Tintenzirkel, das packe ich nicht.… Weiterlesen

Möööp? Möööp!

Nach neun Tagen Doppel-Nano kann ich ein erstes positives Feedback geben: Ja, es funktioniert. Man – oder zumindest ich – kann jeden Tag an zwei Büchern jeweils rund 2.000 Wörter schreiben, und das ohne größere Einbußen der Lebensqualität. Ich bin seit September arbeitslos und habe dementsprechend viel Zeit – war es mit einer Halbtagsstelle zu vereinbaren, einen erfolgreichen Nanowrimo zu schreiben, sind ohne Arbeit zwei Nanowrimos kein Problem. Ich habe einen Großteil der Arbeit in die Nacht verlegt, so dass von meinen Tagen relativ wenig für den Nano draufgeht, vom Plotten und Denken mal abgesehen, und ich viel Zeit mit Fernsehen und Computerspielen verbringen kann. Sogar der Haushalt sieht mich ab und an, und vorgstern habe ich sogar gekocht: Also, ein Erfolg auf der ganzen Linie.

Die Entscheidung, vier Tage vor dem Nanowrimo meinen Roman zu kicken und ein neues Thema aus dem Boden zu stampfen hat sich bewährt. Meine Kinder des Mohns machen großen Spaß, wenn ich ehrlich bin, deutlich mehr als Geisterlied. So hat sich nahezu unbemerkt ein Vorsprung von zweitausend Wörtern eingeschlichen, einfach weil ich an meinen Mohnkindern immer einen Tacken mehr schreibe als an dem anderen Buch. Trotzdem habe ich gerade einen fiesen Durchhänger, der zwar nicht meinen Schreibfluss zum Erliegen bringt, aber an meiner Motivation knabbert, und das ist folgende Erkenntnis: Geisterlied handelt von einem Mädchen, das erkennen muss, dass seine Vertraute und beste Freundin ein Geist ist – während Kinder des Mohns davon handelt, das ein Mädchen erkennen muss, dass seine Vertraute und Zwillingsschwester ein Geist ist.… Weiterlesen

Kinder des Mohns

Meinen zweiten Roman für dieses Jahr habe ich mir nicht ausgedacht, er ist passiert, vor ein paar Tagen, als mir aufging, dass ich das eigentlich geplante Die Kinder des Hauses Otrempa nicht würde schreiben können. Wilde Ideen fügten sich zusammen: Geisterphotographie, eine Spieluhr, Eisenbahnunglücke, ein geheimnisvolles Haus, und Percy. Vor allem Percy. Die Zwillinge kamen erst später, aber erst einmal saß ich da mit einem Scherzbold im Trenchcoat, der mir nicht viel von sich verraten wollte. Rückblickend ist es erstaunlich, dass ich nur zwei Tage später einen erstaunlich komplexen Plot hatte. Aber zum einen habe ich das schon letztes Jahr mit Geigenzauber so gemacht, und zum anderen war ich zwei Tage bei den wunderbaren Lavendelgrauen in Bielegfeld und hatte eine schöne lange Zugfahrt zum plotten (aber zum Glück ohne Unglück). Hier ist nun, mit Tusch und Trommelwirbel, der brandneue Plot für die Kinder des Mohns:

London, 1921. Der Erste Weltkrieg hat den Zwillingen Ivy und Laurel Shacklock schon Vater und Bruder genommen und sie mit ihrer Mutter mittellos zurückgelassen, da diese als Ausländerin – der Vater hat gegen den Widerspruch seiner Familie eine Französin geheiratet – keine Hinterbliebenenrente für ihn bekommen konnte. Sie sind gewöhnt, schlimme Gerüchte zu hören, dass der Vater in Wirklichkeit desertieren wollte und in Schande gestorben ist, aber den wahren Grund kennen sie nicht: Ihre Mutter ist keine Französin, sondern Deutsche, aber dieses Geheimnis nimmt sie mit ins Grab, als sie im Januar an der Grippe stirbt.… Weiterlesen

Geisterlied

Mein erster Roman für dieses Jahr ist eine Altlast. Schon im Nanowrimo 2008 wollte ich Geisterlied schreiben, aber schon nach weniger als einer Woche habe ich das Handtuch geworfen – die Belastung einer Vollzeitstelle war für mich zuviel, um nebenbei auch noch einen Roman zu schreiben, und, wie sich später herausstellen sollte, auch zuviel für alles andere. Dass ich den Nanowrimo in jedem Jahr geschmissen habe, bereue ich heute mehr als das allermeiste andere in meinem Leben, und dieses Jahr tue ich also nun Buße dafür. Nachdem ich drei Jahre lang immer wieder vorhatte, das Buch eben irgendwann anders zu schreiben und doch nie wirklich etwas draus geworden ist, mache ich es eben in diesem Nano als eines von zwei Projekten. Und auf die Geschichte bin ich immer noch stolz:

In erster Instanz entstammt die Idee einem Traum. Wer das Lied eines Geistes singt, öffnet ihm damit Tür, Tor und Körper und muss damit rechnen, dass der Geist völlig Besitz von ihm ergreift. Und die Geister singen unentwegt, sanft bohrende ohrwurmartige Melodien, die man einfach mitsingen muss. Während Geister für normale Menschen unsichtbar und – was für ein Glück! – unhörbar sind, werden sie, sobald sie von einem Körper Besitz ergriffen haben, zur Gefahr für alle, und ganze Dörfer sind so schon an die Geisterwelt gefallen.… Weiterlesen