Der Romanfriedhof: »Das Lande Blau«

Von allen wiederkehrenden Rubriken in diesem Blog ist mir der Romanfriedhof wahrscheinlich die Liebste. Ich denke gerne an meine alten Geschichten zurück, um mich daran zu erfreuen, wie sehr ich mich weiterentwickelt habe – und da die meisten meiner alten Geschichten nie fertiggeworden sind, sind das dann schöne Fallbeispiele, die ich hier wiederaufarbeiten kann und analysieren, woran sie gescheitert sind. Heute gibt es eine Geschichte, deren Abgang ich hier schon öfter zitiert habe, ein Fall, in dem ich mich im Plot völlig verrannt habe und nicht mehr hinauskam. Und der einzige Grund, warum ich dieses Buch noch nie früher auf dem Romanfriedhof behandelt habe, ist einfach der, dass dieses Buch nie auch nur einen Arbeitstitel hatte, und was schreibe ich dann in die Betreffzeile?

Mein erster Fantasyroman war 1993 genau das: Mein erster Fantasyroman. Er hatte keinen Titel. Wenn ich auf ihn Bezug nehmen wollte, reichte es aus, ihn »den Fantasyroman« zu nennen, denn alles anderes, was ich damals sonst geschrieben hatte – oder versucht zu schreiben – waren Krimis. Keiner von ihnen war wirklich über ein paar Seiten hinausgekommen. Nachdem ich »Alibi für einen Geist« auf über 270 Seiten  versenkt hatte, war meine Hoffnung, jemals etwas Längeres fertigzuschreiben, gleich Null.… Weiterlesen

Nach dem Nano II

Viel habe ich in diesem Jahr vor dem Nanowrimo über meine Vorbereitungen gepostet – und dann den ganzen Monat November lang nichts. Zwar hatte ich vor, hier über meine Fortschritte zu berichten – aber auch wenn ich das ganze Jahr über fleißig gebloggt habe, musste ich doch merken, dass neben einem Doppelnano-Pensum wenig Zeit bleibt, irgendwas anderes zu schreiben, auch keine Blogartikel. Und so gibt es hier statt eines fortlaufenden Berichts jetzt ein Recap des Monats, auf den ich mich das ganze Jahr über gefreut habe.

Das wichtigste vorweg: Ich habe gewonnen, zweimal, so wie ich mir das erhofft hatte. Aber nach einem Jahr, in dem ich kaum einen Monat lang nicht ein Nanopensum von mindestens 50.000 Wörtern geschrieben habe, wäre alles unter einem Doppelsieg auch eine Niederlage gewesen, wollte ich doch dem ohnehin schon erfolgrechen Schreibjahr die Krone aufsetzen. Und diese Voraussetzung hat mir einen Druck reingebracht, den ich besser nicht gehabt hätte.

In anderen Jahren bin ich hungrig in den Nano gestartet, um nach einer Durststrecke ein neues Schreibjahr kaltzustarten und mir Schwung zu holen für die nächsten zwölf Monate. Dieses Jahr war ich zum Start des Nanos schon vergleichsweise verbraucht. Ich hatte seit Beginn des Jahres mehr als 500.000 Wörter geschrieben, den T12 fertig in der Tasche, und an jedem einzelnen Tag mein Pensum von mindestens 1.370 Wörtern geschrieben, werktags, sonntags, feiertags.… Weiterlesen

Leb wohl, du schöne Welt!

In wenigen Stunden startet der Event, auf den ich seit Wochen, wenn nicht seit Monaten, hingefiebert habe: der Nanowrimo. Zum achtzehnten Mal nehme ich in diesem Jahr teil, aber auch wenn mein Nano damit volljährig wird, freue ich mich da doch jedes Jahr aufs Neue drauf wie ein kleines Kind. Während anderswo Halloween gefeiert wird, sitze ich über den letzten Vorbereitungen  für mich und meine beiden Romane sowie für das Tintenzirkel-Forum. Die tägliche Statistik für in diesem Jahr fünfundachtzig Teilnehmer:innen gehört ebenso dazu wie die akribische Planung, wie die ersten Sätze in jedem Projekt lauten werden. Vor allem aber verbringe ich ein letztes bisschen Qualitätszeit mit meinem Mann. Traditionell gehen wir am 31. Oktober indisch essen, und das ganze steht unter dem Motto »Leb wohl, du schöne Welt!« – denn von der Welt im Großem und meinem Mann im Kleinen werde ich im November herzlich wenig zu sehen bekommen.

Ich nehme den Nanowrimo ernst. Wer mich kennt, findet, ich nehme ihn zu ernst. Selbst einige Leute, die schon mal oder jedes Jahr den Nanowrimo geschrieben haben, finden das – ich ordne einen Monat lang dem Schreiben alles unter. Schränke meine sozialen Kontakte ein, reduziere alle Aktivitäten, die nicht Schreiben sind, und verbringe im Schnitt acht Stunden am Tag nur mit meinen Büchern – nicht nur mit dem Schreiben, sondern auch mit intensivem Plotten, mit Lesen des bisher geschriebenen, und mit der Zeit nachts vor dem Einschlafen, die bei mir schon mal zwei Stunden dauern kann, während derer ich in meinen Geschichten spazieren gehe und versuche, das zu Schreibende für den nächsten Tag auf die Reihe zu bekommen.… Weiterlesen

Wenn der November naht …

Es ist noch eine Woche hin, bis der Nanowrimo beginnt, für mich die schönste Zeit des Jahres und traditionell mein persönliches Schreib-Highlight, und ich bin noch nicht so recht in Nani-Stimmung. Zum Teil liegt es daran, dass ich immer noch an den Folgen einer Covid-Infektion herumkaue, die wirklich mild verlaufen ist, aber dazu geführt hat, dass ich seit vier Wochen mit Husten und Schnupfen zu kämpfen habe – wirklich nichts gravierendes, aber gesund bin ich eben nicht, und ich merke es vor allem, wenn ich schlafen will. Zum anderen liegt es aber leider auch an meinen Projekten.

Wie in jedem Jahr gibt es auch in diesem Jahr bei mir den Doppelnano, aber wirklich, wenn das nicht meine Tradition wäre, die ich nicht einreißen lassen möchte, würde mir in diesem Jahr auch ein einfacher Nano genügen. Mein Jahresziel habe ich im Kasten, auf die Wortzahl kommt es mir gar nicht mehr so sehr an, da habe ich dieses Jahr ohnehin meinen persönlichen Rekord gebrochen – aber ich will einfach, dass der Nanowrimo eine Herausforderung ist, und das ist er nicht, wenn ich nur das gleiche schreibe wie in nahezu allen anderen Monaten dieses Jahres. Das wäre kein Highlight, nur der Status Quo.… Weiterlesen

Stipenditastisch IV

Hier kommt mein persönlicher Abschlussbericht zum PAN-Stipendium, bei dem ich dieses Jahr in der Kategorie »Debüt« in der Jury sitzen durfte. Da heute auf der Frankfurter Buchmesse die Preisträger:innen bekanntgegeben wurden, darf ich endlich mein Schweigen brechen und ganz herzlich gratulieren.

Nachdem ich innerhalb von acht Wochen nicht weniger als 106 Debüt-Romane durchgesehen und meine Bewertung dazu beim Jurybüro abgegeben, war die Arbeit noch lange nicht am Ende. Denn jetzt galt es nicht nur, zusammen mit den anderen Debüt-Juror:innen die Shortlist unserer eigenen Kategorie zu erstellen, sondern auch die Shortlists der anderen Kategorien durchzusehen. Sprich, noch mehr Leseproben und Exposés, die ich dann in meine persönliche Reihenfolge bringen durfte.

Für die Debüt-Shortlist haben wir uns in einem Zoom-Call zusammegesetzt und so lange diskutiert, bis wir auf zehn Titel runter waren. Zehn Titel, das klingt wie eine echt lange Shortlist, und wir hatten auch von allen Kategorien die längste, aber vier Juror:innen bewerten völlig unterschiedlich, wir hatten noch deutlich mehr Lieblingsbücher, die es am Ende nicht auf die Liste geschafft haben, und am Ende haben es zum Beispiel von meinen drei absoluten Favoriten nur zwei (aber immerhin zwei) auf die Shortlist geschafft, während sich an meinem dritten Lieblingsbuch die Geister so sehr schieden, dass es dafür nicht gereicht hat – und das galt entsprechend auch für Lieblingsbücher anderer Juror:innen.… Weiterlesen

Ab jetzt: Bonus

Im Jahr 2010 rief ich im Tintenzirkel ein Großprojekt ins Leben: Den T12, mit T wie Tintenzirkel und 12 für die zwölf Monate des Jahres. Zu dem Zeitpunkt hatte ich bereits viermal den Nanowrimo mitgeschrieben und dreimal gewonnen, ich hatte den Tinowrimo eingeführt, um auch in anderen Monaten mit einem Wörterziel zu schreiben, und der T12 war die logische Schlussfolgerung daraus, Ganzjahreskampfschreiben mit einem möglichst ehrgeizig gesteckten Ziel fürs ganze Jahr. Im ersten Jahr wagte ich mich an 400.000 Wörter heran, mehr als ich jemals in einem Jahr geschrieben hatte, und erreichte mein Ziel auch prompt, sogar um zehntausend Wörter erweitert, die ich mir im Andenken an ein verstorbenes Teammitglied auferlegt hatte – es stellte sich zwar heraus, dass die vermeintlich von uns gegangene doch noch am Leben war, doch das erweiterte Jahresziel wollte ich trotzdem durchziehen und tat es.

Im Jahr drauf, 2011, legte ich noch eine Schüppe drauf – wenn ich 400.000 Wörter schreiben konnte, dann konnte ich auch 500.000 schaffen, ich musste mich nur entsprechend anstrengen. Und obwohl ich damals noch als Bibliothekarin arbeitete, gesundheitlich angeschlagen war und ziemlich heftige Medikamente nahm, schaffte ich es. Zwar mit Ach und Krach, aber es gelang mir, meinen Rückstand aufzuarbeiten und heldenhaft Ende Dezember die Zielgerade zu überschreiten.… Weiterlesen

Durch die Vierte Wand

Vielleicht sollte ich langsam mal etwas von dem Buch erzählen, das ich gerade schreibe. Was mein zweites Kinderbuch, Nachfolger von »Unten«, werden soll, darüber habe ich hier bis jetzt wenig erzählt – nur, dass es keine direkte Fortsetzung werden soll, weil ich denke, dass die dem Buch mehr wegnehmen würde, als sie hinzufügen kann, und dass es auch nicht mein Märchen »Die gehörnte Prinzessin« wird, weil das leider meine Lektorin einfach nicht überzeugen konnte. Ja, auch das passiert manchmal, man schreibt ein Buch, mag es sehr gerne, aber an der entscheidenden Stelle fällt es durch. Stattdessen sieht es sehr danach aus, dass es »Die vierte Wand« wird – von allen Projekten, das ich dem Verlag vorgestellt habe, das experimentellste, konzeptionellste, philosophischste, und das, von dem ich am wenigsten erwartet hatte, dass es das Rennen machen würde.

Ich will den Tag nicht vor dem Abend loben, denn noch ist die endgültige Entscheidung nicht gefallen, und bis ich einen Vertrag in Händen halte, kann immer noch einiges an Wasser den Rhein runtergehen. Aber wenn alles glattgeht, und ich hoffe, das tut es, dann erscheint irgendwann im Herbst 2024 mein nächstes Kinderbuch, und weil ich diese Geschichte gerade über alles liebe, hoffe ich auch, dass es wirklich dieses Buch sein wird.… Weiterlesen

Assessment Center

Hier bin ich wieder, und ich berichte live von der Planung meines neuen Nanowrimo-Romans »Funkenschwarz«. Diesmal will ich einmal möglichst lückenlos festhalten, wie bei mir ein Buch entsteht, von der ersten Idee bis zur letzten Seite – auch wenn ich jetzt schon weiß, dass ich während des Nanos selbst wegen des hohen Schreibaufkommens nicht so viel zum Bloggen kommen werde. Aber das ist dann ja auch nur der Schreibprozess. Die eigentliche Arbeit kommt vorher und behinhaltet die Planung, das Plotten, das Recherchieren.

Ich habe, das muss ich gestehen, noch nie einen Schreibratgeber komplett gelesen. Ich habe »Save the Cat writes a Novel« hier liegen, ich will das schon seit Ewigkeiten durcharbeiten, aber bis jetzt ist alles, was ich von dem Buch weiß, dass die Hauptfigur am Anfang etwas tun muss, das sie sympathisch macht – eben die Katze retten. Und ich muss ebenfalls gestehen, dass sich selbst daran nur die wenigsten meiner Hauptfiguren halten. Und trotzdem, auch wenn sie nicht die Katze retten, mag ich sie. Auch wenn nicht alle Leser:innen gleichermaßen etwas mit ihnen anfangen können. Es wird noch das Buch kommen, das ich mithilfe von »Save the Cat« plottet. Aber dieses hier ist es nicht.

Was ich jetzt also habe, ist schon ziemlich viel Plot, wo es um die Vorgeschichte geht, bevor sich Tresilean und Yestin, die beiden Hauptfiguren, in der Akademie wiedersehen.… Weiterlesen

Quartalsschreiber II

Als das Jahr losging, hatte ich große Pläne, aber kleine Hoffnungen. Zum nicht weniger als dreizehnten Mal bin ich mit einem Jahresziel von 500.000 Wörtern gestartet, und nur einmal, im Jahr 2011, habe ich das geschafft – in allen anderen Jahren bin ich so groß gestartet, dass ich meistens noch nicht einmal die Hälfe meines Ziels erreicht habe. Ich bin trotzig, ich versuche es trotzdem immer wieder aufs Neue – und in diesem Jahr, zum ersten Mal seit Ewigkeiten, werde ich dieses Ziel voraussichtlich nicht nur schaffen, sondern noch dazu deutlich übertreffen. Ich habe einen großzügigen Vorsprung vor dem Zeitplan, ich könnte zwei Monate lang pausieren und wäre dann immer noch im grünen Bereich – aber ich darf nicht pausieren, ich muss an jedem einzelnen Tag schreiben, sonst habe ich verloren.

Grund dafür ist die Laufliste. Die habe ich vor einigen Jahren im T12, dem Ganzjahreskampfschreiben des Tintenzirkels, eingeführt, und sie zählt fortlaufend die Tage, an denen man mindestens 1/365 seines Jahresziels geschrieben hat – in meinem Fall sind das 1.370 Wörter, die ich Tag für Tag zu schreiben habe, um auf der Liste zu bleiben. Eigentlich ist es kein Problem, auch mal einen Tag Pause einzulegen – dann endet der Lauf, und sobald man wieder schreibt, arbeitet man sich erneut hoch.… Weiterlesen

Die Angst vorm nächsten Band

Es fühlt sich immer noch sehr unwirklich an, dass ich wieder an den Elomaran arbeite – aber nachdem »Zornesbraut« zwölf Jahre auf Eis gelegen hat, bin ich jetzt an der Stelle angekommen, wo ich sagen kann: Noch zwei Kapitel, und das Buch ist fertig. Seit ich die Arbeit wiederaufgenommen habe, hat sich die Länge des Buches verdoppelt, von rund 75.000 auf knapp 150.000 Wörter, und ich steuere auf ein dramatisches Finale zu, dass ich mir vor mehr als einem Dutzend Jahren ausgedacht habe.

Das wirklich erstaunliche ist, dass das Buch tatsächlich noch funktioniert. Die Geschichte erscheint mir immer noch logisch, das Verhalten der Figuren ist plausibel – und ich habe immer noch das Gefühl, dass ich mir da eine wirklich gute Geschichte ausgedacht habe. Dabei schreibe ich nicht nur einen alten Plot runter – es ist eine Mischung aus den alten Ideen von vor 2011, rekonstruiertem Plot, den ich anhand eines alten Exposés wiedergefunden habe, und neuen Wendungen, die sich nahtlos ins Gefüge einpassen.

Und viel ist passiert in den sieben Kapiteln, die ich in der Zwischenzeit geschrieben habe. Es waren lange Kapitel, zum Teil deutlich zu lang, aber in der Zeit habe ich zwei Figuren getötet, die mich seit dem Jahr 2000 begleitet haben, ich habe einen Engelsschatz gefunden und einen anderen wieder verloren, ich habe einen leibhaftigen Engel auftreten lassen und eine alte Rache vollstreckt, und nur da, wo es darum ging, eine Freundschaft für immer zu zerstören, habe ich zurückgerudert, ein paar Seiten in die Tonne getreten und beschlossen, dass die beiden doch Freunde bleiben.… Weiterlesen